Freie Bildung im Namen der Kirche

Von den DDR-Oberen lässt er sich nicht vereinnahmen. Er weiß die evangelische Kirche als Freiraum zu verteidigen. Als starkes Kaliber im Ringen um ihre Interessen und autonomen Positionen ist Walter Braun ein Garant für die Neuausrichtung der Hoffbauer-Stiftung.

Dr. Walter Braun

  • 1892 geboren in Windenburg/Ostpreußen – 1973 gestorben in Berlin
  • 1908 - 1914 Studium der Evangelischen Theologie in Königsberg und Marburg
  • 1914 - 1915 Einsatz im 1. Weltkrieg und Heimkehr als Versehrter
  • 1915 - 1916 Predigerseminar in Wittenburg/Westpreußen
  • 1917 - 1926 Pfarrer in mehreren ostpreußischen Gemeinden
  • 1926 - 1947 Missionsinspektor der Berliner Mission
  • 1948 - 1963 Kuratoriumsvorsitzender der Hoffbauer-Stiftung
  • Ab 1947 Leitung der Arbeitsgemeinschaft für Volksmission im Ostsektor
  • 1947 Generalsuperintendent der Kurmark mit Sitz in Potsdam
  • 1952 Verleihung des Doktortitels von der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, Ernennung zum Ehrendomherrn des Domstifts Brandenburg an der Havel, Ruhestand

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit als Generalsuperintendent setzt Braun sich nachdrücklich für die bedrängten Pfarrer seines Sprengels gegenüber staatlichen Behörden ein. Einmal mehr gilt es ihm nach der Diktatur des Nationalsozialismus, seine christlichen Ideale mit selbstbewusster Beharrlichkeit zu verteidigen. „Mit Freude“ inszeniert er deshalb zu Beginn der fünfziger Jahre die kurmärkischen Kirchentage mit bis zu 4.000 Teilnehmern der Jungen Gemeinden. Das Fanal eines stärkenden Gemeinschaftserlebnisses auf den Wiesen von Hermannswerder.

Unter den neuen politischen Bedingungen in der SBZ (Sowjetischen Besatzungszone) und der jungen DDR soll Kirche keinen Platz mehr haben. Glauben soll man nur noch an die sozialistischen Gesellschaftsideale. Das macht sich auch im staatlichen Bildungsmonopol bemerkbar, das die christlich-humanistischen Bildungstraditionen der Hoffbauer-Stiftung als reaktionär brandmarkt. Ein unhaltbarer Zustand, den der seit 1948 amtierende Kuratoriumsvorsitzende der Hoffbauer-Stiftung Walter Braun zu umgehen weiß: Er entscheidet sich für den Sonderweg angesichts des Verbots von privaten und konfessionellen Schulen.

Als inzwischen evangelische Kirchenstiftung soll in Hermannswerder nun eine Beschulung des potentiellen wissenschaftlich-theologischen Nachwuchses aufgebaut werden. Angesichts der säkularen Gesellschaftsplanung ein adäquates Instrument und eine wirksame Überlebensstrategie. Jenseits gesellschaftspolitischer Indoktrination will Braun mit dem „Kirchlichen Seminar“ ein Gemeinschaftsleben in freier Geistesentfaltung anbieten. Denn eines ist klar - der Bildungsauftrag ist integraler Bestandteil der Stiftungssatzung von 1946 und darüber hinaus prägender Impuls des Hermannswerder Selbstverständnisses.

Die entscheidenden Gründungsverhandlungen finden im April 1949 mit dem Leiter der Schulabteilung der SMAD (Sowjetische Militäradministration), Professor Orjeschkow statt: In Anlehnung an die sowjetischen Priesterseminare erscheint ihm das Vorhaben plausibel. Aufgrund des SBZ-weiten Einzugsgebietes der Schüler ist er genehmigungsberechtigt. Die Einbindung der brandenburger Behörden hält er deshalb für nicht notwendig. Sowieso betrachtet er das Ganze als eine innerkirchliche Angelegenheit. Was für ein Coup!

Im Frühjahr 1950 ziehen die ersten Seminaristen in die ausgebaute Dachetage des alten Gymnasiums ein, doch diese Provokation gegenüber der gerade gegründeten DDR bleibt nicht ohne Konsequenzen: Im August erfolgt die Schließung der „illegalen“ Schule.

Bereit zum Widerstand begibt sich Stiftungsleiter Braun in erste Gespräche mit Ministerpräsident Otto Nuschke. Die Aussicht eines Skandals und die Abwanderung in den Westen öffnen Verhandlungsfenster. Zudem befürchtet man durch repressive Maßnahmen eine Brüskierung der sowjetischen Schutzmacht. Ergo: Im Oktober erfolgt die offizielle Anerkennung durch das DDR-Ministerium für Volksbildung und der Betrieb geht weiter.

Aber Braun ist noch nicht am Ziel, denn jetzt geht es um die staatliche Anerkennung der Abschlussprüfung des evangelischen Seminars als Hochschulreife. Ein langer Weg, bis er 1953 den zäh erkämpften Status erreicht und die aufgewertete Bildungseinrichtung offiziell als „Kirchliches Oberseminar in Potsdam-Hermannswerder“ firmiert.

Als Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung ist Braun allerdings an vielen „Fronten“ unterwegs, da der Inselbesitz mit all seinen Strukturen wieder zusammengeführt und aufgebaut werden soll. Eine Herkulesaufgabe, bedenkt man, dass große Teile besetzt oder zwangsverpachtet sind: Der südliche Inselbereich mit den ehemaligen Waisenhäusern und dem großen Frauenschulgebäude ist von der sowjetischen Armee requiriert und das einst evangelische Krankenhaus unter kommunaler Trägerschaft.

Allein der entschlossene Wille zur Selbstbehauptung und die relativ geschützte Position als nunmehr kirchliche Stiftung bieten Braun eine akzeptable Ausgangsbasis für sein Wirken. So sind die fünfziger Jahre primär durch Verhandlungen mit dem Magistrat der Stadt Potsdam, den Regierungsbehörden und der SMAD über die Rückführung unfreiwillig verpachteter Flächen und Gebäude auf Hermannswerder bestimmt.

Alle Bemühungen um die Etablierung und Arrondierung der traditionellen Stiftungsarbeit brauchen langen Atem. Beantragungsprozesse von Baulizenzen für Reparaturen der Bombenschäden sowie Ausbau- und Instandsetzungsmaßnahmen schleppen sich über Jahre in verzögerten und immer wieder abbrechenden Prozessen dahin.

Trotzdem gelingt Generalsuperintendent Walter Braun unmögliches: In selbstbewusster Entschlossenheit behauptet er sich gegenüber der kirchenfeindlichen Regierungspolitik und gestaltet die ideelle und reale Basis der Hoffbauer-Stiftung für die kommenden Jahrzehnte.