Die geliebte Insel

Es ist nicht einfach für ein achtzehnjäriges Mädchen, allein auf sich gestellt zu sein. Mit Liebe für die Musik und ihrer Aufgabe als Lehrerin verwächst Sophie Collier mit dem Kosmos von Hermannswerder, ist mit allen Höhen und Tiefen verbunden, fast ein halbes Jahrhundert lang.

Sophie Collier

  • 1886 geboren in Potsdam – 1950 gestorben in Potsdam
  • 1903 Klavierlehrerin für die Schülerinnen der Hoffbauer-Stiftung
  • 1906 Examen in Klavier, Musikgeschichte, Harmonielehre und Methodik
  • 1920 Eintritt in das Mutterhaus Hermannswerder
  • 1938 Austritt aus der Schwesternschaft und Angestellte als Schulsekretärin
  • 1948 - 1950 Ruhestand im Emmaus-Haus Potsdam

Täglich kommt die 17-jährige Musiklehrerin ab 1903 zum Klavierunterricht nach Hermannswerder. Häufig sorgt sie für die musikalische Begleitung bei Konfirmationen oder Einsegnungen, gibt Gesangsstunden und studiert sogar dreistimmige Motetten ein. Ab 1906, als das Lehrerinnenseminar eröffnet, wächst die Gemeinschaft der Schülerinnen und Sophie Collier hat gut zu tun. Alle vier Wochen kommt auch Clara Hoffbauer zum Klaviervorspiel der Schülerinnen auf die Insel. Mit dem Baubeginn der Kirche nimmt die begabte Musiklehrerin sogar Orgelunterricht. Sie lernt bei Potsdams berühmtem Organisten in der Garnisonkirche, Prof. Otto Becker. Seitdem spielt Sophie bis 1947 jeden Sonntag die Orgel in der Inselkirche.

Auch bei den vielen Festen darf ihr musikalischer Part nicht fehlen. Und Feste weiß man hier zu feiern: Ob die sommerlichen Stiftungsfeiern, Dampferfahrten, Geburtstage, Eisfeste oder die vielen Festivitäten zur Adventszeit. Diese Gemeinschaftserlebnisse sind integraler Bestandteil der zauberhaften Insel. Prägende Impulse, die sie bis ins hohe Alter nicht müde wird zu beschreiben.

„Immer wieder erlebten wir in Potsdam das Ausziehen der neuen Truppen. Zuerst mit großer Begeisterung. Mit der Zeit wurde das Leben aber schwieriger, bald begann die Rationierung der Lebensmittel.“ Schließlich müssen im Juni 1917 sogar zwei von den drei mächtigen Glocken der Inselkirche für die Kriegsproduktion abgegeben werden

Die Nachkriegszeit gestaltet sich extrem schwierig: Die fortschreitende Inflation bringt eine sehr hohe Fluktuation der Pensionskinder, da die finanziellen Möglichkeiten der Eltern immer geringer werden. Klavierunterricht ist nicht mehr finanzierbar und Sophie Colliers wirtschaftliche Existenz steht auf dem Spiel. Die Liebe zur Insel und die enge Bindung an Schwester Maria Müller ebnen ihren Eintritt ins Mutterhaus. Richtig überzeugt ist sie nicht, aber ihre Versorgung erst einmal gesichert. Und als Lehrerin, Leiterin des Schwesternchores und Organistin hat sie sowieso eine gewisse Sonderstellung.

1921 lebt sie in einem der Kinderhäuser als Scharlach ausbricht. Mit Hingabe kümmert sie sich gemeinsam mit den Diakonissen um die Mädchen. Trotzdem sterben zwei Kinder. Kaum ist die Epidemie überwunden, müssen alle Häuser schließen und 80 Kinder ins Seminarhaus Birke umziehen. Es ist ein besonders eisiger Winter, die grimmig kalten Räume werden nur zweimal in der Woche ein wenig geheizt: „Es gab viele Krankheiten. Der Speisesaal war so kalt, dass wir kaum die Löffel halten konnten.“

In dieser Zeit nimmt Hausmutter Maria Müller sie als Erzieherin unter ihre Fittiche. Selbst fast noch ein Kind, kommt ihr diese Ausbildung besonders zu Gute: Es ist großzügiger und lebensnäher als in den meisten anderen Häusern. Ihre Hausmutter bringt hohe Kultur mit und sucht auf jede Weise den Horizont zu erweitern. Als angehende Erzieherin kann Sophie genauso wie die Internatsmädchen durch Besuche von Vorträgen, Museen und Konzerten profitieren. Sie lernt Herzensbildung zu vermitteln und das religiöse Leben zu pflegen. Dabei bildet die gesamte Insel eine große Familie. Ein fröhliches und kameradschaftliches Zusammenleben, aber auch mit einem strikten Tagesablauf.

Gerade als das Schulleben wieder zu florieren beginnt, wird Sophie Collier zum Dienst ins Mutterhaus beordert. Trotz innerem Protest fügt sie sich in das Unvermeidliche, aber ihr ist klar: Sie ist ein Einzelmensch und das Schwesternleben liegt ihr nicht. Weiterhin leitet sie den Schul- und Schwesternchor und gibt Kurse in Bibelkunde sowie Kirchengeschichte für die Lehrschwestern. Bald übernimmt sie Büroarbeiten, wie die Redaktion der jährlich erscheinenden „Inselblätter“, und wird ab 1932 nicht nur Schulsekretärin, sondern auch Hausmutter. Eine enorme Herausforderung, aber auch die schönste und reichste Zeit ihres Lebens.

Mit dem Kirchenkampf, den die nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ auf die Insel tragen, beginnt eine radikale Gleichschaltung und Entrechtung der Hoffbauer-Stiftung. Wie viele andere Mitarbeiter fühlt sie sich der oppositionellen „Bekennenden Kirche“ zugehörig. Seelischen Beistand findet sie nur im Geheimen. Bei widerständigen Kollegen wie Direktor Kühne, Wirtschaftsdirektor Laiblin, den Studienräten Dr. Brotführer und Dr. Füting oder der Familie des Physiklehrers Driesen.

Dennoch: Der kirchenpolitische Druck durch das nationalsozialistische Regime erleichtert ihr Ende der dreißiger Jahre den Austritt aus dem Mutterhaus. An das Schwesternleben kann sie sich nach wie vor nicht gewöhnen. Im Schulsekretariat bleibt sie aber - als Zivilangestellte.

Der neue Direktor Jantzen erfüllt zwar die Anforderungen an Rassenlehre und Eugenik, weiß aber auch um den Wert seiner hervorragenden Lehrkräfte, die wenig parteikonform sind. Im Konkurrenzkampf mit dem verbrecherischen NS-Stiftungsleiter Arthur Bergfeld und der SS muss er vorsichtig agieren. So bleibt ein gewisser Schutzraum auf Hermannswerder bis die grausame Diktatur am Ende ist. Dann folgt die Räumung. Im April 1945 wird die Insel Kampfgebiet. Wieder Hunger, Angst und Hilflosigkeit.

Doch der „Hermannswerder Geist“, den Sophie Collier so liebt, überlebt das Dritte Reich. Im Mai kommen die Schwestern zurück, der Schulbetrieb beginnt erneut. Sie arbeitet zunächst als Putzfrau, dann wieder als Schulsekretärin, und spielt die Orgel. 1948 geht Sophie Collier nach 45 Jahren im Dienst der Hoffbauer-Stiftung in den Ruhestand. Und hinterlässt einen lebendigen schriftlichen Bericht über ihre erfüllten Jahrzehnte auf der Insel.