Evangelische Bildung mit Strahlkraft

Seine ungewohnt dynamische Bildungsoffensive setzt Maßstäbe. Als Grundlage gemeinschaftlichen Zusammenlebens gilt die Vertiefung des Evangeliums. Johannes Kühne prägt diese Ära. Er ist eine große Persönlichkeit mit Haltung im Ringen um ein freies und christliches Hermannswerder nach der NS-Machtergreifung.

Johannes Kühne

  • 1885 geboren – 1963 gestorben
  • Domgymnasium Magdeburg
  • 1903 Studium der Theologie in Tübingen, Marburg und Halle
  • Aktivität in der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (DCSV)
  • Berufseinstieg als Lehrer in der Knabenanstalt der Herrnhuter Brüdergemeinde in Niesky
  • 1914 - 1918 Teilnahme am 1. Weltkrieg als Offizier
  • 1920 - 1924 Herausgeber der Zeitschrift „Die Furche“
  • 1921 - 1925 Studienrat in Gütersloh
  • 1925 - 1937 Oberstudiendirektor, Vorsteher des Mutterhauses und Pastor in der Hoffbauer-Stiftung, abgesetzt durch das NS-Regime
  • 1937 Dozent am Katechetischen Seminar der BK in der Goßner Mission, vom NS-Regime geschlossen
  • 1938 Pfarramt in Kassel
  • 1947 Leitung der Predigerschule Paulinum

Unter 80 Bewerbern qualifiziert sich Johannes Kühne 1925 als neuer Direktor der Schulen, Leiter des Mutterhauses und Pfarrer der Inselgemeinde. Ein Glücksgriff, der die Hoffbauer-Stiftung zu großer Anerkennung weit über Brandenburgs Grenzen hinausführt. Erfolgreich prägt er die evangelische Erziehungsarbeit durch die Wahrnehmung der Schülerinnen als eigenständige Menschen und den Anspruch einer anregenden Wissensvermittlung. Wesentlicher Ansatz der gesamten Schulkultur ist Kühnes Idee einer Lehr- und Lebensgemeinschaft „aus einem Geiste“. Sein Paradigma, das theologisch-pädagogische Bildungsprofil zu schärfen und eine vertiefte Auseinandersetzung mit Kirche und Glauben zu fördern, wird zur Marke. Kritischer Diskurs inklusive. Ein Novum in der so genannten „Mädchenbildung“!

Niemand wird aufgegeben, aber es „entkommt“ auch keiner, wie Pastor Kühne es formuliert. Man bleibt nicht unberührt von dieser charismatischen Persönlichkeit. Nicht nur sein Bildungsversprechen wird eingelöst, er eröffnet den Schülerinnen auch neue Horizonte:
Unterricht im Freien, entdeckendes Lernen, Konzert- und Theaterabende, Exkursionen zu Museen, theologische Vertiefungswochen, naturkundliche Wanderungen. Großgeschrieben sind zudem sportliche Aktivitäten: Von Rudern, über Eislauf, Schwimmen und Tennis sowie Leichtathletik – die Hermannswerder Schülerinnen schneiden in den Wettkämpfen immer bestens ab.

Die Goldenen Zwanziger bieten ein fulminantes Bildungsangebot auf der Insel: Grundschule, Oberlyzeum, dreijährige Frauenschule mit Werkabitur und einjährige Frauenschule mit unterschiedlichen Schwerpunkten in Gartenbau, Land- und Hauswirtschaft, Werkstatt oder in der Säuglingsstation. Nicht zu vergessen die musische Bildung; sie spielt eine große Rolle in Schule und im alltäglichen Miteinander.

Viele neue Schulangebote der dynamischen Bildungsoffensive in der jungen Weimarer Demokratie gelangen hier zu idealer Umsetzung: Bester Beweis sind die stetig steigenden Schülerzahlen. Während der Inflation 1921 starten zunächst vier Schülerinnen und 1930 besuchen bereits 430 junge Frauen die Einrichtungen der Hoffbauer-Stiftung. Keine Selbstverständlichkeit! Aber hier treffen die fortschrittlichen Bildungsangebote auf fruchtbaren Boden. Eine bildungspolitische Offensive, die nur zu bald von den Lern- und Erziehungsidealen der Nationalsozialisten bedroht wird. Unbeeindruckt fühlt man sich hier dem humanistischen Bildungsideal verpflichtet und mag der totalitären Parteilinie nicht folgen.

Vorneweg Pastor Johannes Kühne, der seine geistige Eigenständigkeit und Freiheit verteidigt: Anfänglich bemüht, seine christlichen Erziehungsprinzipien zumindest halbwegs mit denen der Nationalsozialisten in Einklang zu bringen, gerät er zusehends in die Opposition. Seine moralisch-ethische Basis ist das Evangelium, das nun von den „Deutschen Christen“ durch das Führerprinzip ersetzt wird. Er aber verwahrt sich gegen staatliche und innerkirchliche Übergriffe auf das christliche Glaubensbekenntnis.

Auch seine Auffassungen christlicher Jugendbildung stehen der NS-Erziehungsideologie diametral entgegen. Der Forderung des Potsdamer Oberbürgermeister Hans Friedrichs im Frühjahr 1934, sich gedanklich auf das Dritte Reich einzustellen, versteht Kühne glasklar. Nämlich dem Gedanken näher zu treten, den evangelischen Charakter der Schule aufzugeben.

In kritischer Distanz zum kirchenpolitischen Dominanzstreben des NS-Regimes propagiert er im Unterricht weiterhin das Evangelium und seine Friedensbotschaft. Seine mutig bekennende Glaubensstärke und seine humanistischen Bildungsideale führen schnell zur Eskalation: Verdächtigungen, Unterstellungen und Denunziationen sorgen für den Besuch der Gestapo und der Intervention von Schulbehörde und Regierungspräsident.

Mit der fortgesetzten Beteiligung an Tagungen, Vorträgen und Predigten der Bekennenden Kirche wird ihm zudem Konspiration gegen den Staat vorgeworfen.

Alles was von einem guten NS-Beamten zu erwarten war, wie das rückhaltlose Bekenntnis zum NS-Staat oder die uneingeschränkte Verbundenheit zur NSDAP als Trägerin des deutschen Staatsgedankens, fand bei Kühne nicht die geringste Berücksichtigung.

Aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wird Kühne gemäß §5 im Juli 1937 degradiert und seiner Position enthoben. In seiner Abschiedspredigt mahnt er jeden Christen, sein Gewissen zu überprüfen.