Zwischen den Diktaturen

Ein kleines Zeitfenster, das Chancen bietet: Das weiß der engagierte Kirchenjurist Kurt Grünbaum zu nutzen, als er 1945 die Zwangsverwaltung der Hoffbauer-Stiftung übernimmt. Es geht um ihre Existenz, nicht mehr und nicht weniger.

Kurt Grünbaum

  • 1892 geboren in Storkow – 1982 gestorben in Prerow
  • Jurastudium an den Universitäten Heidelberg und Kiel
  • 1925 als Konsistorialrat im Evangelischen Konsistorium in Berlin und Umzug mit Familie nach Potsdam-Rehbrücke
  • 1928 Ministerialrat in der „Geistlichen Abteilung“ im Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung
  • 1935 im neugeschaffenen NS-Reichskirchenministerium
  • 1945 - 1946 Zwangsverwalter und Kurator der Hoffbauer-Stiftung als Ministerialbeamter für die Neuordnung der Kirchenangelegenheiten in der Provinz Brandenburg
  • 1947 kurzzeitig von der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) verhaftet und nach sechswöchiger Haft durch Intervention von Bischof Dibelius wieder frei
  • 1948 - 1979 Domkurator in Brandenburg
  • 1949 Erster Leiter der Hauptabteilung „Verbindung zu den Kirchen“ in Berlin
  • 1952 Entlassung aus dem Staatsdienst der DDR
  • 1953 Gescheiterte Anwerbung als IM
  • 1953 - 1972 Kuratoriumsmitglied der Hoffbauer-Stiftung
  • 1953 - 1954 Konsistorialrat in der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg
  • 1954 Konsistorialpräsident in der evangelischen Kirchenprovinz Sachsen

 

Christliche Wertmaßstäbe, moralische Integrität und rechtswissenschaftliche Kompetenz machen ihn schon vor dem Zweiten Weltkrieg zu einem angesehenen Kirchenjuristen. Während der NS-Diktatur im konspirativen Netzwerk führender Kirchenvertreter tätig, gilt er nach Zusammenbruch, Kapitulation und Besatzung als verlässlicher Beamter beim Aufbau des neuen Staates. Seit 1945 obliegt ihm in der brandenburgischen Provinzialverwaltung die Neuordnung von Kirchenangelegenheiten. So auch die Regelung der Vermögens- und Schuldenverwaltung.

Gerade dem Zugriff des NS-Staates entkommen, wird Hermannswerder schnell Gegenstand neuer Begehrlichkeiten: Nach Plünderungen und Flüchtlingschaos stellt die SMAD (Sowjetische Militäradministration) die Insel im Juni 1945 unter ihren Schutz. Einquartierungen sowjetischer Soldaten und die städtische Übernahme des Krankenhauses folgen.

Mangels eines legitimen und handlungsfähigen Geschäftsführers wird Kurt Grünbaum für die Zwangsverwaltung berufen und das Vermögen der Hoffbauer-Stiftung bis auf weiteres „eingefroren“. Die Aussicht einer Verstaatlichung liegt diesem Prozess zugrunde. So wie für viele andere Stiftungen und Vereine bald das Ende kommt.

Nur unter dem starken Dach der Kirche kann die Insel einer Enteignung entgehen. Keine leichte Aufgabe angesichts der „antifaschistisch-demokratischen Umwälzungen“ für das neue Gesellschaftssystem. Eine unabhängige Stiftung steht diesem politischen Ziel deutlich im Weg.

Grünbaum ist der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt: Ein unverdächtiger Antifaschist im neuen System mit erprobtem kirchlichem Netzwerk und taktischem Fingerspitzengefühl für die heikle Mission: Als überzeugter Christ engagiert er sich gegen die politische Zielstellung und für den Bestand von Hermannswerder als kirchliche Stiftung.

Dafür braucht es eine neue Satzung, die aber von den Behörden auf vielfältige Weise behindert wird. Gleichzeitig folgen weitere sowjetische Beschlagnahmungen auf der Insel. Grünbaum weiß diese Übergriffe gegenüber der Potsdamer Verwaltung auszuspielen: Für sie ist der Erhalt des städtischen Krankenhauses von eminenter Bedeutung, gleichzeitig will man aber bei dem Ringen um weitere Gebäude keinesfalls mit den Besatzern ins Gehege kommen. Grünbaum wirbt deshalb dafür, die Stiftung so kirchlich wie möglich zu konstituieren. Damit bliebe es nämlich „dem Bischof überlassen, die Stiftung von den Russen freizukriegen“.

Im dritten Anlauf gelingt die Annahme der neuen Satzung am 25. Januar 1946 doch noch. Die Hoffbauer-Stiftung wird nun eine rein kirchliche Einrichtung.

Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen erreicht Kurt Grünbaum mit Unterstützung von Bischof Otto Dibelius, der nun für drei Jahre Kuratoriumsvorsitzender wird, die Konsolidierung der Stiftung. Das gibt die nötige Zuversicht, künftigen Ansprüchen auch weiterhin nicht zu weichen.

Das gelingt nicht immer: Die Auflösung des Mädcheninternats kann er trotz intensiver Bemühungen um alternative Lösungen nicht verhindern. Über nahezu drei Jahre sucht er alle Spielräume und Widersprüche der gesellschaftspolitischen Umbruchszeit zu nutzen, um angesichts der sozialistischen Schulreform einen Teil der unabhängigen Bildungsarbeit zu erhalten. Doch im Oktober 1948 muss sich die Stiftung endgültig den Forderungen der Brandenburgischen Provinzialregierung beugen.

Mit der DDR-Staatsgründung übernimmt der erfahrene Verwaltungsjurist die Leitung der “Hauptabteilung Verbindung zu den Kirchen“ in dem sich stetig zuspitzenden Konfliktfeld zwischen Staat und Kirche. Ein Glücksfall für die Hoffbauer-Stiftung. Im Hintergrund ist er nämlich einer der wichtigen Akteure für ihre Ziele. Kein Wunder, dass bereits 1951 seine Ablösung wegen zu großer Kirchennähe verlangt wird. In wachsender kritischer Distanz zum Regime legt er ein Jahr später CDU-intern eine Situationsanalyse vor: Sie dokumentiert die allgemeine Auffassung kirchlicher Kreise, die DDR vollzöge die Entwicklung eines totalitären Staates. Tatsächlich sind Verhaftungen kirchlicher Amtsträger an der Tagesordnung. Im März 1952 sitzen 28 von ihnen wegen angeblicher Spionage oder Landesverrat in Haft.

Kurt Grünbaum lässt sich nicht abschrecken und bleibt in der DDR. In der kirchlichen Opposition.