Ein neuer Herzschlag für Hermannswerder

125 Jahre Hoffbauer-Stiftung und eine neue Glocke

© Claudia Horezky

Laut ist es, als wir Anfang Juli in die Halle der Glockengießerei Rincker im hessischen Sinn treten – ein Dröhnen und Fauchen empfängt uns. Vorsichtig sehen wir uns um. Der Blick geht sofort zum Schmelzofen, in dem seit den frühen Morgenstunden die Glockenbronze auf mehr als 1000°C erhitzt wird. Beim Näherkommen spüren wir die Hitze deutlich. Neben dem Ofen, durch ein Geländer gesichert, blicken wir in die Grube. Dort liegen sie, die vorbereiteten und im Lehm gut eingebauten Formen der heute zu gießenden Glocken. Ein kleines Schild weist darauf hin, wo unsere Glocke entsteht: „Hermannswerder II a 388 kg“. Verbunden sind die Einguss-Trichter der Glocken durch einen Kanal, durch den die Bronze fließen wird. 
Und dann ist es soweit. Die Befeuerung des Ofens wird abgestellt. Die Tore und Türen zur Halle verschlossen. Und auf einmal ist es still. Die Mitarbeitenden der Firma Rincker kommen in Schutzkleidung zur Grube, die Anspannung ist fühlbar. Nur höchstens sechs Mal im Jahr wird gegossen, und nun darf nichts mehr schiefgehen. Herr Genetzke, Leiter Zentraler Service und Vertragswesen bei der Hoffbauer-Stiftung, spricht ein Gebet. Der Kessel wird geneigt, die flüssige Bronze ergießt sich in den Kanal und füllt nacheinander alle Glockenformen. Es wird beeindruckend heiß in der Halle. Die überschüssige Glockenbronze plätschert wie ein Wasserfall ins Ende der Grube. Die Anspannung fällt ab. Den Duft nach Holzkohle in unserer Kleidung nehmen wir zusammen mit dem Staub auf unseren Schuhen mit nach Hause. Die Glocke bleibt zurück. Sie wird über das Wochenende abkühlen und dann Schicht für Schicht freigelegt werden. Ein Wiedersehen gibt es spätestens zum Inselfest anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Hoffbauer-Stiftung – auf Augenhöhe, bevor sie ihren Platz im Kirchturm findet.

von Claudia Horezky