Ein Mann der Kirche und ein Menschenfreund

Den Spielraum Millimeter um Millimeter vergrößern, ohne das Erreichte zu gefährden, ist Manfred Stolpes Maxime für sein kirchenpolitisches Wirken in der DDR. Dafür bietet Hermannswerder idealen Freiraum: für Synoden, Jugendtage, freie Bildung und internationale Wahrnehmung.

Manfred Stolpe

  • 1936 geboren in Stettin – 2019 gestorben in Potsdam
  • 1955 Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Jena
  • 1959 Assessor im Kirchenkonsistorium, erste Kontakte zur Hoffbauer-Stiftung
  • 1962 Leiter der Geschäftsstelle der evangelischen Kirchenleitungen in der DDR,
  • ab 1963 zudem Referent des Generalsuperintendenten Jacob
  • 1969 - 1981 Leiter des Sekretariats des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR
  • ab 1973 Mitglied im Kuratorium der Hoffbauer-Stiftung
  • 1982 - Konsistorialpräsident der Ostregion der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg
  • 1982 - 1989 Stv. Vorsitzender des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR
  • 1990 - 2002 Ministerpräsident des Landes Brandenburg
  • 2002 - 2005 Bundesminister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen

Ganz gezielt wählt er die evangelische Hoffbauer-Stiftung auf der abgelegenen Insel Hermannswerder als prädestinierten Ort kirchlicher Großveranstaltungen aus. Manfred Stolpe kennt diesen speziellen Kosmos ja nur zu gut: Als stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender ist er seit 1973 eng mit seiner Entwicklung verbunden. Das große Potenzial liegt für ihn auf der Hand.

Die abgeschlossene Lage der Halbinsel mit ihrer autarken Infrastruktur bietet dem Überwachungsstaat wenig Einsatzmöglichkeiten. Im Windschatten der sowjetischen Besatzer ist man auch vor großen Lauschangriffen relativ sicher. Stolpe nennt es ein „störfreies Arbeitsklima“, das wenig Beeinträchtigung von außen zulässt.

Auch in der Symbolkraft der Stiftung sieht er eine hohe Relevanz. Freie Bildung im Kirchlichen Oberseminar, diakonischer Aufbruch mit Vorbildcharakter und eine lebendige Mutterhausdiakonie bestärken die Kraft der Kirche in der DDR: „Wir sind da und wir bleiben da!“

Mit diesem Signum verbindet Manfred Stolpe seine Kirchenpolitik. Selbstbewusst wird Hermannswerder seit 1969 Gastgeber für die ersten wichtigen Synoden des BEK (Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR) mit bis zu 180 Gästen. Das Plenum findet in der Aula statt, Ausschusssitzungen tagen in den Schulräumen. 60 Quartiere entstehen im Seminargebäude, weitere 25 im Mutterhaus. Ein logistisches Großereignis, das ohne die Unterstützung der Diakonissen undenkbar wäre. Für Stolpe bilden sie das besondere Ferment der Insel, die geistliche Mitte, und prägen das Wesen der gesamten Einrichtung. Sein tiefes Vertrauen gehört Oberin Siegtraut Linke, über drei Jahrzehnte hinweg.

Durch den Erfolg und die positive Resonanz fördert Manfred Stolpe eine selbstverständliche Professionalität, die Insel als einen Ort der Begegnung weiter zu etablieren.

Die Kirchenleitung ist zwar voller Sorge vor einer Zuspitzung des Dauerkonflikts mit dem Politbüro, doch will man auch nicht auf ein Engagement für die Jugend verzichten. Gleichwohl zieht die offene Jugendarbeit wie ein Magnet oppositionelle Kräfte an. In diesem Spannungsfeld bietet insbesondere Hermannswerder einen Schutzraum und wird zu einer wichtigen Plattform der Begegnung christlicher Jugend entwickelt.

Um die hohe Relevanz der Hoffbauer-Stiftung mit ihren hochkarätigen Einrichtungen auch über die Grenzen der DDR hinweg sichtbar zu machen, lädt Stolpe den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt nach Hermannswerder ein. Bei seinen Besuchen in Potsdam 1983 und 1986 richtet sich der Fokus damit auch auf die Insel. Was für ein Ereignis! Die Stasi erreicht in einem Großaufgebot die Grenzen ihrer Kapazitäten und der Staat ist genötigt, sich mit diesem renitenten Kosmos irgendwie zu arrangieren.

Als Konsistorialpräsident der Landeskirche Berlin-Brandenburg ist Manfred Stolpe ein prägender Gestalter kirchenpolitischer Entwicklungen in der DDR und ein wichtiger Protagonist in den deutsch-deutschen Beziehungen. Dafür weiß er seine Verbindungen zur Staatssicherheit so weit zu nutzen, dass er sich nach der Wiedervereinigung immer wieder mit heftigsten Vorwürfen einer Zusammenarbeit mit ihr konfrontiert sieht. Die Kirchenleitung jedenfalls stellt seine Grundüberzeugung nicht in Frage. Im Rahmen dieses Systems erreicht er für die Kirche, für die Menschen in der DDR und für den Zusammenhalt der Deutschen viel.
Die enorm erfolgreiche Entwicklung der Hoffbauer-Stiftung zeigt, dass Manfred Stolpe seine Spielräume genutzt hat. Millimeter um Millimeter.